Die Gesundheitskrise Europas bewältigen – Einblicke führender Experten

15/01/2026
Camille Ronsin
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Die Gesundheitssysteme Europas stehen vor beispiellosen Herausforderungen: einer alternden Belegschaft, schwerwiegendem Personalmangel und zunehmender Abhängigkeit von ausländisch ausgebildeten Fachkräften. Bei einer kürzlichen politischen Diskussion, an der Frau Nurse PRO im Rahmen der Interessenvertretung teilnahm, teilten Experten der WHO-Europa, Zorgnet-Icuro (Flandern), EPSU (European Public Service Union) und FIASO (Italien) ihre Perspektiven zur Krise und schlugen dringende Lösungen vor. Hier ist eine Zusammenfassung ihrer wichtigsten Botschaften.

Dr. Natasha Azzopardi (WHO-Europa): Das Herz der Krise


Die Gesundheitsbelegschaft Europas ist älter, überlastet und zunehmend auf ausländisch ausgebildete Fachkräfte angewiesen. Laut dem Bericht der WHO Europe von 2022, "Health and Care Workforce in Europe – Time to Act", ist die Dichte der Ärzte in den letzten zehn Jahren um 20 % gestiegen. Allerdings stammen 58 % dieses Wachstums von im Ausland ausgebildeten Ärzten und 67 % von ausländisch ausgebildeten Pflegekräften. 72 % des jährlichen Zustroms von Pflegekräften wurden außerhalb der Europäischen Region ausgebildet, was Bedenken hinsichtlich Nachhaltigkeit und Selbstversorgung aufwirft.

Die WHO-Europa unternimmt Maßnahmen mit EU-finanzierten Projekten zur Pflegebindung und -rekrutierung sowie mit einer ersten Umfrage zur psychischen Gesundheit und zum Wohlbefinden der Gesundheitsbelegschaft, Arbeitskräfte, die am 10. Oktober gestartet wurde. Die Ergebnisse zeigten, dass jeder dritte Pfleger und Arzt mit psychischen Herausforderungen konfrontiert ist, was die Dringlichkeit der Situation unterstreicht.

Richtlinienempfehlungen: Um Resilienz aufzubauen, betont Dr. Azzopardi die Notwendigkeit, Strategien zur Bindung zu verbessern – wie bessere Gehälter, Karrierestrukturen, Unterstützung im Bereich psychische Gesundheit und Anreize im ländlichen Raum. Sie setzt sich außerdem dafür ein, in inländische Schulungen zu investieren, um die Abhängigkeit von internationaler Rekrutierung zu verringern und die digitale und KI-Kompetenz zu verbessern, um sicherzustellen, dass Technologie das Gesundheitspersonal unterstützt und nicht belastet.

Ihre abschließende Botschaft war klar: Die Resilienz des europäischen Gesundheitssystems hängt nicht nur von Medikamenten und Versorgungsgütern ab, sondern auch von der Widerstandsfähigkeit der Gesundheitsbelegschaft.

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Margot Cloet (Zorgnet-Icuro, Flandern): Vorbereitung auf den Tsunami der Altenpflege


Flandern steht, wie ein Großteil Europas, am Rande einer Altenpflegekrise. Bis 2030 wird die Bevölkerung der über 85-Jährigen stark wachsen, und bis 2050 wird allein Flandern eine halbe Million Menschen über 85 haben – in einer Region mit nur 7,5 Millionen. Diese Herausforderung wird durch eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung verschärft: Auf 100 Menschen, die den Arbeitsmarkt verlassen, kommen nur 80 neue Arbeitskräfte hinzu, was die Engpässe verschärft.

Cloet plädiert für einen EU-Masterplan, der alle Beteiligten einbezieht – Pflegeanbieter, Regierungen, Sozialpartner und Berufsgruppen. Sie nennt drei Voraussetzungen für den Erfolg:

  • Inklusivität: Der Plan muss Pflegeempfänger berücksichtigen, nicht nur Arbeitnehmer und Arbeitgeber.
  • Vertrauen und Dialog: Überregulierung und übermäßige Verwaltungsbelastungen vermeiden; Flexibilität, wie zum Beispiel Teilzeitarbeit, ist wertvoll.
  • Multidimensionaler Ansatz: Verknüpfe Gesundheitspolitik mit breiteren sozialen Bereichen wie Bildung, Wohnen und Mobilität.


Konkrete Prioritäten: Cloet fordert die Reduzierung administrativer Belastungen, die Unterstützung der Kompetenzentwicklung und Umschulung, den Schutz von Arbeitnehmern vor Aggressionen mit einer Null-Toleranz-Politik und die Stärkung von Mentoring-Programmen , um frühe Ausscheidungen aus dem Beruf zu reduzieren. Sie setzt sich außerdem für Modelle der geteilten Beschäftigung ein – bei denen ein Vertrag mehrere Arbeitgeber abdeckt – und für eine schnellere Anerkennung ausländischer Qualifikationen.

Mit Unterstützung von Maria-Louise Cabral (DG Beschäftigung) und der bevorstehenden EU-Roadmap für Qualitätsarbeitsplätze lautet Cloets übergeordnete Botschaft: Europa muss Raum, Mittel und Unterstützung für Innovationen bereitstellen, nicht neue restriktive Regeln. Sie äußerte auch Bedenken hinsichtlich der Gesundheitsarbeiter in Konfliktgebieten wie Gaza und forderte das EU-Parlament auf, Verantwortung zu übernehmen.


Jan Willem Goudriaan (European Public Service Union): Eine Gesundheitskrise, die dringendes Handeln erfordert


Die EU steht vor einer Gesundheitskrise mit einem erschütternden Mangel von 1,2 Millionen Gesundheitsarbeitern – eine Lücke, die weiter wächst. Die Folgen sind gravierend: lange Wartelisten, überfüllte Krankenhäuser und mangelnde Vorbereitung auf zukünftige Krisen. Gesundheitsfachkräfte stehen unter enormem Druck, mit Wellenwirkungen, die sich auf Familien und sogar auf Notfalldienste ausdehnen. Zum Beispiel verzögern sich Feuerwehrleute, die auf Rettungsanrufe reagieren, oft verzögert, weil Krankenhäuser nicht genügend Personal haben, um Patienten aufzunehmen. Die Auswirkungen der psychischen Gesundheit sind ebenso alarmierend, da die Kinder von Gesundheitsarbeitern manchmal während langer Schichten unbeaufsichtigt bleiben – eine Realität, die sich durch Zeichnungen schwedischer Gewerkschaften zeigt.

Die EPSU und die European Federation of Nurses schlagen einen umfassenden Aktionsplan auf EU-Ebene vor, um diese Engpässe zu beheben. Da 80 % der Gesundheitsfachkräfte Frauen sind, muss der Plan geschlechtssensibel sein und Folgendes enthalten:

  • Eine Richtlinie zu psychosozialen Risiken zum Schutz der Beschäftigten vor Burnout und Stress.
  • Gesetze zu sicheren Personalverhältnissen, einschließlich durchsetzbarer Pflegekräfte-Patienten-Verhältnisse.
  • Stärkere Tarifverhandlungen zur Sicherstellung fairer Löhne und Arbeitsbedingungen.
  • Schutz der Ausbildungsstandards, Ablehnung jeglicher Minderung der Qualifikationen.


Goudriaan hebt einen wesentlichen Streit mit Arbeitgebern hervor: Gewerkschaften lehnen eine Lockerung der Arbeitszeitrichtlinie ab. Stattdessen fordern sie strengere Durchsetzungen, um die Work-Life-Balance zu schützen und Überstundenverstöße zu reduzieren. Er warnt außerdem, dass sinkende Investitionen in das EU-Gesundheitswesen die Resilienz untergraben und weist auf den Anstieg der Gewalt durch Dritte gegen Mitarbeiter hin, was dringend EU-Aufmerksamkeit erfordert.

Dr. Giovanni Migliore (Italienischer Verband für Gesundheits- und Krankenhausunternehmen, Italien): Lehren für Europa aus den Herausforderungen der Arbeitswelt Italiens


Die Herausforderungen im Gesundheitswesen in Italien spiegeln die in ganz Europa wider, sind aber besonders akut. Das Land steht vor einem schwerwiegenden Ungleichgewicht zwischen Arzt und Pflegekraft, mit nur 6,2 Pflegekräften pro 1.000 Einwohner – deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 8,4. Das Verhältnis von Ärzten zu Pflegekräften liegt bei 1,5 und gehört zu den niedrigsten in Europa, und die Erwerbsbevölkerung altert schnell: Mehr als die Hälfte der Ärzte ist 55 Jahre oder älter, 27 % über 65 – der höchste Anteil in Europa.

Zwischen 2012 und 2017 verlor der italienische Nationale Gesundheitsdienst 26.000 Mitarbeiter, und von 2019 bis 2022 verließen weitere 11.000 Ärzte das System. Die Engpässe sind besonders gravierend in Anästhetik, Notfallmedizin und Allgemeinmedizin.

Zentrale Probleme:

  • Unterdurchschnittliche Gehälter und lange Arbeitszeiten tragen zur Unzufriedenheit bei.
  • Die zunehmende Aggression gegenüber dem Gesundheitspersonal verschlechtert die Arbeitsbedingungen weiter.
  • Der Beruf erlebt einen Verlust an sozialem Ansehen, was ihn für Neueinsteiger weniger attraktiv macht.


Vorgeschlagene Lösungen: Dr. Migliore setzt sich für politische Entscheidungen ein, die sowohl junge als auch ältere Arbeitnehmer unterstützen, sowie Anreize über das Gehalt hinaus, wie Wohnraum, Familienunterstützung und Sozialleistungen. Er schlägt außerdem vor, eine nationale Mobilitätsplattform zu schaffen, um Gesundheitsfachkräfte beim Einstieg im System zu unterstützen und die Attraktivität von Pflege und anderen schwer betroffenen Fachrichtungen zu verbessern.

Im rechtlichen Bereich hat Italien bereits ein Gesetz gegen Gewalt gegen Gesundheitsarbeiter verabschiedet, das Festnahmebestimmungen und ein Gesetz zur Aufgabenverlagerung zur Ausweitung der Rollen der Pflegekräfte enthält. Dr. Migliore betont außerdem das Potenzial künstlicher Intelligenz, administrative Belastungen zu verringern und die Patientenversorgung zu verbessern. FIASO hat ein KI-Observatorium und die Innovationsplattform "NextAge" eingerichtet, um diese Möglichkeiten zu erkunden.

Seine Schlussfolgerung: Investitionen in das Gesundheitspersonal sind keine Kostenfaktoren, sondern ein Vervielfacher des sozialen und wirtschaftlichen Wertes. Dringende Maßnahmen sind erforderlich, um eine universelle, faire und nachhaltige Gesundheitsversorgung sicherzustellen.

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Fazit: Ein Aufruf zu systemischem Wandel


WHO-Europa fordert bessere Bindung, nationale Schulungen und eine kluge Integration von KI. Zorgnet-Icuro setzt sich für einen flexiblen, vertrauensbasierten EU-Masterplan ein, der Gesundheitswesen mit umfassenderen Sozialpolitiken verknüpft. Die EPSU fordert verbindliche Rahmenbedingungen für Personalverhältnisse, Schutz für psychische Gesundheit und faire Löhne. FIASO unterstreicht die Notwendigkeit von Anreizen, rechtlichem Schutz und Innovation, um Gesundheitsberufe attraktiv und nachhaltig zu machen.

In diesem Zusammenhang besteht die Mission von MS Nurse PRO darin, sicherzustellen, dass spezialisierte Pflegekräfte nicht nur vertreten sind, sondern auch aktiv Lösungen in politischen Debatten gestalten. Wir rücken die Realitäten der Pflegepraxis in den Vordergrund und stellen sicher, dass die Richtlinien die Bedürfnisse der Pflegekräfte und ihrer Patienten widerspiegeln.

Um dies voranzutreiben, starten wir zwei zentrale Initiativen:

  • Ein Online-Politikmeeting, um evidenzbasierte Empfehlungen vorzulegen.
  • Eine Live-Sitzung im Europäischen Parlament, die politische Entscheidungsträger und Interessengruppen zusammenbringt, um die Patientenergebnisse und die Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte zu verbessern.


Wir sammeln derzeit Erfahrungsberichte, um unsere Botschaften zu verstärken. Wir suchen Pflegekräfte, die sich um Menschen mit MS kümmern, sowie Menschen mit MS, die bereit wären, ihre Erfahrungen mit der Betreuung und dem Empfang der Versorgung in ihrem nationalen Gesundheitssystem zu teilen. Wir ermutigen uns, uns zu helfen und Ihre Erfahrungen zu teilen, indem Sie unten klicken:

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